Ein schlanker Schatten gleitet auf dem glitzernden Wasser.Die Pestmaske steht in einer führerlosen Gondel, die von selbst über die Wasser des Canal Grande gleitet.

Nebel hängt lautlos über dem nächtlichen Venedig und verwirbelt sich über dem nachtschwarzenWasser; das Gesicht des Vollmondes zerläuft im Dunst wie zerlassene Butter.

Die führerlose Gondel gleitet still weiter unter den Fenstern und an den Pfählen entlang. Die Zeit hatte sich wie Karies in die Münder der alten, stolzen Palazzi aus istrischem Marmor, aus Porphyr und Serpentin gefressen.

Die Augen hinter der Maske bewundern durchbrochene Loggien mit feinem Masswerk an der Ca' Foscari: zu Stein gewordene venezianische Spitze.

Der Turm von San Samuele wirft bläulich-zweifelhafte Schatten auf die dahindämmernden Höfe und der Palazzo Falier gleicht einer kleinen mittelalterlichen Festung mit zwei Wächterhäuschen. Die Augen der Maske mustern das abweisend-dunkle Gemäuer der Zecca.

Ein ungeheurer Fransenteppich von byzantinischer Spitze taucht aus dem Nebel: Der Dogenpalast; die Gaslaternen vor ihm zwinkern wie erblindende Augen. Die Pyramide des Campanile sticht seinen gigantischen Finger in den Nachthimmel und die roten Seidenbanner von Morea, Candia und Zypern vor dem Portal von San Marco hängen traurig und feucht herab.

Ein Denunziant wirft verstohlen ein Zettelchen in eines der Löwenmäuler am Dogenpalast. Der Maskenmann schüttelt weich und nachsichtig seinen verhüllten Kopf. Lachen flattert auf. Auf der Piazza vergnügen sich die Karnevalstrunkenen Menschen.

Venedig bewahrt seine Mysterien und streckt ihm nur die blanke Brust des schönen Scheins entgegen.

Die führerlose Gondel biegt in einen schmalen Kanal ein. Die Maske erschauert als sein Blick hinauf zu den Bleikammern eilt.

Ein Geleit von Fackelträgern kommt die Stufen eines Palastes zur Anlegestelle herunter. Die Pestmaske scheint zu lächeln und fliesst vorüber. Ein Harlekin ruft: "Seht dort, eine Pestmaske! Welch ein makabrer Scherz!" Er beugt sich vor: "He, weisst du nicht, dass Venedig Pestfrei ist!"

Die Rufe prallen am schwarzen Gewand der Gestalt ab. Majestätisch gleitet sie weiter durch die Gassen voller Wasser.

Die Kirche Santa Maria Formosa dreht ihm die kalte Schulter zu. Er wirft einen kurzen Blick auf den hohen Campanile und die Kuppel, die im bleichen Schein des Vollmondes verdämmern. Die Gondel zieht ihn weiter: Durch handtuchschmale Kanäle, um gezählte Kurvenherum, bis unter den Arco del Paradiso.

Die in den Stein gemeisselte Madonna breitet ihren Mantel über die knieenden Figuren der Braut Foscari und ihren Bräutigam Mocenigo. Die Maske starrt hinauf. Niemand kann euch heute nacht retten. Nicht mal Maria, Jesus' Mutter. Es ist wunderschön. Ein kaum hörbarer Seufzer entweicht. Ein Denkmal für die beiden Kinder reicher Familien, die ihren Reichtum durch die Hochzeit noch vermehrt haben. Aber nichts kann euch retten. Nicht Geld, nicht Schönheit,keine Gebete. Meine Liste ist lang...

Zwischen den Steinen an den Mauern der Kanäle wuchern Meerfenchel und Grünalgen wie Krebsgeschwüre. Gelbe Augen glühen aus der Dunkelheit. Er hört das Wimmern und Kreischen von Ratten und Katzen, vervielfacht durch die engen, hohen Plätze.

Die Gestalt sieht in hellerleuchtete Fenster. Die Spiegel in den eleganten Salonen reflektieren das Licht aus unzähligen Wandluchtern. Abgerissene Klaviertöne dringen an sein Ohr; Fetzen von primitivem Gelächter.

Sein Ziel ist erreicht.

Auf der Rialto-Brücke brechen Gläser. Ihr Inhalt verrinnt im trockenen Holz. Er hört knisternde Seide und das Flüstern betrunkener Verliebter. Jemand macht auf den Rändern gefüllter Weingläser Musik. Die Maske schwankt. Spinnwebfeine Töne erfüllen das sanfte Geplätscher der Nacht. Unbewusst summt die Gestalt die alte Melodie mit.

Die Gondel hält am Fondaco dei Tedeschi. Die Maske wirft das Tau um das Palo. Die goldgelbe Farbe des Gebäudes schimmert im trüben Mondlicht giftgrün; darüber ein Diadem aus weissen Zinnen. Der maskierte Mann verharrt in Schweigen: Ein Mysterium sagt man. Giorgiones Fresken sind ein unlösbares Geheimnis. Die Maske macht eine unbestimmte Handbewegung. Nun, für mich nicht, duTodessüchtiger. Den Tod im Augenblick der grössten Lust erleben -- ich verspreche es dir, mein Freund. Wie oft dachtest du an mich während du deine Bilder maltest? Während du jedem Rock nachliefst in der Hoffnung, an Syphilis zu sterben? Du erträgst den Anblick deiner Stadt nicht mehr? Die so zerbrechliche Schönheit, die ich mit einem Wink meiner Hand auslöschen könnte... Warum? Weil sie mit jedem neuen Morgen zu reiferer Schönheit erwacht und du, mein Giorgione, nur die neuen Falten in deinem Gesicht zählst?

Er dreht sich abrupt um und betrachtet aufmerksam die Feiernden auf der Brücke und den schmalen Gehwegen. Eine geschmückte Gondel fährt dicht an ihm vorüber. Der Gondoliere taucht sein Ruder geschickt und ohne zu spritzen ins Wasser. Unter der Felze, jenem Dach, das die Paare vor neugierigen Blicken schützt, ertönen unmissverständliche Geräusche der Lust.
Und warum kannst du das Leben nicht ertragen? Du bist jung, Giorgione. Du bist talentiert und reich. Der Herr gab dir nicht deinen Verstand, die Schöpfung in Frage zu stellen.

* * *


Der Dunst, Licht und Schatten der aufgehenden Sonne weckt die Stadt aus Schlamm und Stein aus ihrem nächtlichen Liebeszauber. Von Salz und Sonne zerbröckelnde Fassaden spiegeln sich im Wasser der Kanäle: Eine verwesende Schönheit auf verfaulenden, seepockigen Holzpfählen.

Die Pestmaske ist Venedig längst verfallen. Sie huscht über Plätze und Brücken, schaut durch die Scheiben in die Wohnzimmer der Menschen. Der Saum ihres weiten schwarzen Mantels schleift auf den feuchten Stufen einer Kanalbrücke. Menschen tanzen vorbei.

Ein Totentanz.

Sie zeigen mit Fingern auf ihn und lachen. Welch eine absurde, vogelschnäblige Scharade! Ein dämonischer Witz; nur für Eingeweihte bestimmt.

Zwei Kostüme laufen auf Stelzen um die Wette, lauthals angefeuert von einer Meute von Tänzerinnen, Harlekinen, Türken und den weissen Masken der Bautas.

Bei San Giacometto betritt die Pestmaske einen Hof. Eine von feuchter Luft zerfressene Treppe und zerlöcherte Sandsteinplatten am Boden. Der Putz schält sich von den Wänden und entblösst den nackten Mauerstein. Angefaulte Fensterflügel von undefinierbarer Farbe knirschen leise in den Angeln, Wäsche entknittert sich in der Nässe des Nebels. Unter dem bröckligen Sims sucht eine weisse Katze frierend Schutz und versucht aufgeregt, ihr zerzaustes Fell zu glätten. In der Mitte des Hofes eine Zisterne, wo sich das Regenwasser sammelt. Die Verzierungen, die der Steinmetz einst anbrachte, sind zu glattgeschliffenen Hieroglyphen einer unbekannten Sprache geworden.

Der Mann mit der Maske tritt an das fliegendreckbeschmutzte Fenster und sieht hinein. Seine Augen hinter den Sehschlitzen begegnen einer klöppelnden Frau. Ihre Finger bewegen sich flink und nach einem geheimnisvollen Muster. Sie blickt auf. Der Mann nickt ihr leise zu. Die Frau senkt den Kopf und arbeitet gleichgültig weiter.

Vor einem Kirchenportal kniet eine Frau in schwarzem, undurchdringlichem Schleier. Vor ihr steht ein Holzschüsselchen, in das die Leute im Vorübergehen ihre Münzen hineinfallen lassen. Die Gestalt beugt sich herab und berührt zärtlich die ausgestreckte Hand.

Die runde Uhr von San Giacometto schlägt die achte Stunde.

Bunte Turbane drehen sich im Kreis, blaue Straussenfedern sinken im fahlen Wind auf die Piazzetta. Prächtige Mäntel, wehende Schleier über rätselhaften Porzellangesichtern, purpurrote Münder, falsche Tränen. Lichtlose Gewänder.

Die Pestmaske irrt in der Illusion einer morbiden Schönheit umher. Im Wasser spiegeln sich die Paläste und zeigen sich selbst ihre perlenbewehrten, grinsenden Münder.

Ein dünner Speichelfaden rinnt über Chiaras Kinn. Giorgione wischt ihn mit einem Spitzentuch ab. Er vernimmt kaum das unterdrückte Seufzen der Maske am Fenster und wendet sich wieder der Staffelei zu. Mit raschem Blick umfaát er das Gemälde. Die alte Bauersfrau hält in den verbrauchten, altersfleckigen Händen ein Banner. Giorgione taucht seinen Pinsel ein. Mit roter Farbe schreibt er in zierlichen Buchstaben "Col Tempo" in das leere Feld. Er tritt einen Schritt zurück und wischt sich das feuchte Haar aus der Stirn. Ein Klagelaut ertönt vom Bett her. Hastig dreht er sich um und lässt den Pinsel zu Boden fallen.

Chiara hebt mühevoll den Kopf und flüstert: "Was hast du geschrieben?"

"Mit der Zeit." Er lächelt sie an. "Die Zeit kann uns nichts mehr anhaben, Chiara. Sie wird uns nicht zerstören, wie diese alte Frau dort."

"Du must verrückt sein. Geh solange du noch gesund bist." Ihr Atem rasselt in der Kehle. "Ich kann dich nicht verstehen. Geh, Liebster, und es macht mir auch nichts aus, wenn du zu einer anderen Frau gehst, aber ich will nicht für deinen Tod verantwortlich sein."

Giorgione streichelt ihr feuchtes Haar. Plötzlich trifft sein Blick die dunkle Gestalt vor dem Fenster. Seine Augen durchdringen die Sehschlitze und er spürt, dass hinter der weissen Maske nur Leere herrscht. Oder irgendetwas anderes... Heiser flüstert er: "Es ist zu spät" und in seine dunklen Augen tritt ein freudiger Schimmer während er sich langsam von seiner durchschwitzten Kleidung befreit. Giorgiones junger, nackter Körper ist gezeichnet mit beginnenden roten Beulen. Schweiss steht auf seiner Stirn. Während er in das Bett schlüpft, schlägt Chiara die schwarzunterlaufenen Augen wieder auf. Giorgione lächelt traurig.

"Du wirst auch sterben", flüstert sie. Er küsst sie behutsam auf die trockenen Lippen. "Ich weiss."

Die Pestmaske wendet sich ab. Es zerreisst ihm das Herz, als er seine Gondel besteigt.


Um Mitternacht des Fastnachtdienstags beginnen die Totenglocken von San Francesco della Vigna zu läuten.

Das letzte Glas zerschellt; das letzte Lachen erstirbt. Die Kostümierten halten jäh inne in ihrem Freudentaumel. Die Gestalt in der führerlosen Gondel treffen die tiefanhaltenden Grabkammertöne der Totenglocken wie ein Keulenhieb. Er hatte nicht auf die Zeit geachtet und seine Liste ist noch nicht ganz abgehakt. Heftig saugt er die salzig-feuchte Luft ein und hebt langsam die Arme. Ein Knurren entweicht seiner Kehle; ein langer, weitschallender Klagelaut.

Die Atmosphäre vibriert. Ein Taubenschwarm flattert hoch; den Ratten sträubt sich das schmutzige Fell. Der Ruf bricht sich an den hohen Palazzi und das Echo zerschellt am Ufer des Canal Grande.

Spiegelverkehrte Zuckungen. Ein Wind blässt über die Köpfe der Tanzenden hinweg. Der Ruf erdolcht ihre Herzen. Es ist der Name ihrer Stadt.

Venezia!


Tausendfach schlägt das Echo zurück. Irgendwo, in einem einsamen Bett machen Chiara und Giorgione ihren letzten gemeinsamen Seufzer. Der adligen Bettlerin fallen die Münzen aus der kalten Hand. Das runde, grüne Kissen fällt der Spitzenklöpplerin auf die Füsse. Ihr Kopf sinkt zur Seite. Der Harlekin bricht in sich zusammen und fällt kopfüber in das schlammige Wasser eines Kanals.

Am Morgen ist Venedig eine Leichenhalle.

Der Himmel ist trüb. Dunst liegt auf der Lagune, es riecht nach faulem Wasser, nach feuchtem Holz und salzverkrusteten Fischen. Auf den Häuserdächern schleudern die tütenförmigen Schlote der Kamine Rauch aus. Fischerboote tauchen aus der dunstverschleierten Atmosphäre.

Die Pest ist nach Venedig zurückgekehrt.

Schrilles Wehklagen der Ernüchterung. In den Gassen stapelt man die Toten. Carlo wischt sich die tränenverschmierte Schminke vom Gesicht. Er starrt auf das engumschlungene, fieberverbrannte Paar:

"Ich kenne ihn. Es ist der Maler Giorgione. Seine Geliebte muss die Pest gehabt haben." Er zwinkert. "Und er wollte gemeinsam mit ihr sterben."

"Sie hatte die Pest?" Und noch einmal ungläubig: "Sie hatte die Pest?" Alessandro flucht. "Warum wusste das niemand? Sie war es! Die verdammte Hexe hat die Pest nach Venedig gebracht!"

Die Pestmaske hinter ihm starrt ihn strafend an. Alessandro fühlt einen Dolch im Rücken. Verwirrt wirbelt er herum. Niemand ist hinter ihm. Gemeinsam versuchen sie, die ineinander verschlungenen Körperteile zu lösen. Es ist unmöglich. So heben sie sie vereint von ihrer letzten Lagerstatt und tragen sie hinaus auf den kalten, feuchten Stein.

Die Gestalt reisst sich die Maske vom Haupt. Unter dem schwarzen Umhang ist nichts. Nur Schwärze, die tiefer ist als schwarz. Ein gähnendes Loch - ein Abgrund, der zur Hölle des Schmerzes führt.

Alessandro spürt ein Kribbeln im Rücken. In Zeitlupe wendet er den Kopf. Seine Augen finden den hölzernen Katzenbuckel der Rialto-Brücke und bleiben an einer schwarzen Gestalt hängen.

Der schwere Mantel umhüllt sie wie Krähenflügel. Die Flügel des Hiob.

Alessandros Haut zieht sich zusammen. Er spürt, dass die augenlose Gestalt auf der Brücke ihn fixiert. Er sieht, wie sie ihm winkt, ihm zu folgen. Willenlos setzt sich Alessandro in Bewegung, bis er auf der Treppe der Rialto-Brücke der Schwarzen Pest in die Arme sinkt. Liebevoll drückt der Tod ihn an sich.

* * *


Nebel hüllt die Riva degli Schiavoni ein, während in der Ferne der Dogenpalast und das Becken von San Marco verschwimmen. Die Gondel gleitet über die Lagune; eine dunkle unter den vielen bunten. Auf der Höhe der Einfahrt bei San Giorgio begegnet ihm die Trauergondel. Schwebend und lautlos tragen die vergoldeten Engel ihre bittere Last hinaus nach San Michele. Die Pest hebt den Arm und bekreuzigt sich mit bleicher Knochenhand. Er ist der Sendbote Gottes. Und er tut nur seine Pflicht, den Launen des Herrn hilflos ausgeliefert.

Nur Giorgione hatte ihn gebraucht! "Col tempo" werden die Menschen alt und hässlich in einer Stadt, die alt und wunderschön ist. Der Maskenmann lacht lautlos. Giorgione - nur du hast mich verstanden!

Er senkt den Kopf und lässt die Arme ruhig fallen. Im Bruchteil eines Augenaufschlags ist die schwarzverhüllte Gestalt verschwunden. Sekundenlang schwebt über der Stelle ihres Verschwindens ein beissend-toter Geruch.


Wer ist Giorgione?