Die Arsenlösung schimmerte einladend im Glas auf dem wackligen Nachttisch. Es sah so harmlos aus - eine klare, durchsichtige Flüssigkeit, die ihm die Erlösung von der Qual seines Daseins bringen sollte.
Sein Leben war zu Ende. Was hatte es ihm noch anderes zu bieten, als Unverständnis, Verkanntsein und Demütigung?
Er streckte die Hand aus, während er das Glas nicht aus den Augen liess. Nichts, nichts half ihm jetzt mehr; die Welt wollte ihn nicht. Sie wollte weder ihn selbst -- Thomas Chatterton -- noch die Genialität des Dichtermönches Rowley.
Thomas Rowley war der Name, unter dem Tom Gedichte eingeschickt hatte, und zwar im Stile und der Sprache des 15. Jahrhunderts, und von denen er behauptete, er hatte die alten Pergamente in seiner Heimatstadt Bristol gefunden: in einer der Truhen des Archivs der alten Kirche von St. Mary's Redcliff. Tom hatte diesem fiktiven Rowley sogar eine Biographie geschrieben: Er sei in Somersetshire geboren und hatte seine Ausbildung im Kloster von St. Kenna at Keynesham erhalten.
Diese Gedichte waren fast die literarische Sensation des Jahrhunderts geworden. Fast.
Toms Finger umschlossen fest das Glas, bereit, es anzuheben und an die Lippen zu führen, als es leise an die Tür klopfte. "Tom, brauchen Sie noch etwas, Junge?" ertönte die rauchige Stimme seiner Vermieterin Mrs. Angell durch das Holz. "Ich habe etwas zu Essen unten." Schon der blosse Gedanke an Essen brachte seinen Magen zum Beben. Es war ewig her, dass er etwas anderes gegessen hatte, als das altbackene Brot, das er immer kaufte, um Geld zu sparen. Tom war sich bewusst, dass er langsam verhungerte, aber das spielte nun keine Rolle mehr. Er lehnte wie immer freundlich aber bestimmt ab. Als Mrs. Angell gegangen war, starrte Tom auf das rauhe Holz der Tür. Sein Blick fiel auf den Kalender daneben.
Die Nacht senkte sich über den 30. August 1770 und Londons Strassen erwachten zum Leben. Es wurde Zeit für ihn.
Aber derart unterbrochen, mangelte es ihm nun an Mut, seine Absicht fortzusetzen. Stattdessen ging er ruhelos im Mansardenzimmer umher.
Es war erstickend heiss hier oben und das Hemd klebte ihm am mageren Körper. Toms Augen streiften die Wappen an der Wand: ein mit buntem Federhelm und dem Kreuz der Tempelritter bemaltes Holzbrett.
Er zog eine bemalte Keramiktasse aus dem Regal hervor und betrachtete sie lange. Er erinnerte sich, als er mit Mutter und der älteren Schwester Mary auf dem Rummel in Bristol gewesen war und sich aussuchen durfte, was auf die Tasse gemalt werden solle. Der zehnjährige Thomas hatte gerufen: "Mal mir einen Engel mit Flügeln und einer Trompete, die meinen Namen über die ganze Welt blässt!" Tom lächelte und stellte die Tasse zurück. Dann blieb er vor dem Bücherregal stehen. Seine Finger berührten zärtlich die Buchrücken von Kersey's Dictionary des Altenglischen und Chaucers "Canterbury Tales", die die Grundlage gebildet hatten, seine Gedichte in die Sprache des Mittelalters zu übersetzen.
Jäh flackerte die Erinnerung hoch; an den Abend, da John, sein bester Freund, ihn dabei überrascht hatte...
Es war in Bristol gewesen, wo er zum ersten Mal das Pergament einer alten, französischen Handschrift in den Händen gehalten hatte. Der sechsjährige hatte sich in die Schrift verliebt und von Stund an hatte nichts anderes mehr gezählt, als die Gedichte, die er schrieb und die Sprache, in die er sie übersetzte. Tom stöhnte und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Verflucht sei der Tag, an dem er sie Horace Walpole schickte!
Walpole, der führende, englische Schriftsteller, der hier in London lebte, war entzückt gewesen, von dem wunderschönen, im Stil des 15. Jahrhunderts geschriebenen Gedicht, das Tom als das des Monches Rowley ausgegeben hatte. Immerhin ware Tom mit diesem "Fund" zwar nicht als Autor berühmt geworden, aber sein Name ware bekannt und dann hätte bestimmt auch die Möglichkeit bestanden, etwas eigenes zu veröffentlichen, ohne die Umwege der altertümlichen Sprache.
Aber dann war das Unglück über ihn hereingebrochen...
"Walpole hat was?" John sah Tom ungläubig an. Im dichten Qualm des Kneipenraumes konnte er ihn kaum erkennen. "Wie konnte er das bloss rausfinden?"
John nahm einen Schluck von seinem Stout und wischte sich den Mund.
"Was weiss ich. Das Pergament jedenfalls war echt. Vielleicht habe ich Fehler bei der Übersetzung ins Altenglische gemacht. Das Wörterbuch, das mir Catcott geborgt hat, ist vielleicht auch nicht ohne Druckfehler und Walpole hat's gemerkt." Tom sass völlig in sich zusammengesunken auf dem unbequemen Schanktischstuhl und nippte an seiner Fassbrause.
Plötzlich sah er seinen einzigen Freund und Vertrauten scharf an. "Du darfst niemals jemandem davon erzählen, hörst du Johnny!" flüsterte er eindringlich. John verdrehte die Augen. "Wie oft soll ich noch schwören? Soll ich mit Blut unterzeichnen?"
Nicht mal ein winziges Lächeln konnte Tom sich abringen. Für ihn war das alles toternst.
"Was wirst du jetzt machen?" John musterte seinen Freund. Er war mager wie eine streunende Katze und hatte einen schwindsüchtigen Ausdruck auf dem Gesicht. Seine grossen, hellbraunen Augen glänzten fiebrig. John beschlich wieder mal das Gefühl, dass Tom komplett verrückt war, und er tat ihm leid. Er hatte sich da in etwas verrannt, aus dem er keinen Ausweg sah.
"Wenn Walpole dich wegen Betrugs hatte anzeigen wollen, hatte er es längst getan. Er brauchte niemandem von den Fälschungen erzählen, dein Geheimnis für sich behalten und dir helfen, sie zu veröffentlichen. Er muss doch sehen, wie wunderschön deine Gedichte sind, wenn er nicht ein totaler Narr ist. Und sowas will Schriftsteller sein!" John durchzuckte es jäh. Natürlich! Walpole war eifersüchtig auf Thomas Chattertons Genie. Der Stern Walpoles wurde am Londoner Himmel verglühen und jeder würde nur noch über die "Ballade of Charity" sprechen, die Tom geschrieben hatte.
"Was ist mit den Einsendungen unter deinem eigenen Namen?"
Tom schüttelte kaum merklich den Kopf. "Abgelehnt. Wer interessiert sich schon für den siebzehnjährigen Thomas Chatterton aus dem armen Bristol, der es nicht mal geschafft hat, seine Lehre als Anwaltsgehilfe zu Ende zu bringen?"
Plötzlich richtete er sich auf und knallte die flache Hand auf den schmutzigen Tisch vor ihm. "Verdammt! Jeder Trottel kann etwas, nur ich nicht." Er warf John wieder einen seiner scharfen, halb wahnsinnigen Blicke zu, vor denen John sich fürchtete.
"Hast du schon mal an Selbstmord gedacht?"
John starrte ihn an. "Hat wohl jeder schon mal", sagte er zaghaft.
"Wirklich? Hast du? Was ist es? Ein ultimativer Akt von Feigheit oder ein ultimativer Akt von Mut?"
Tom fuhr in seine Jackentasche und zog eine schmale, silberne Pistole heraus. "Hast du den Mut, den Abzug zu ziehen?"
"Steck das Ding weg, Mann. Bist du verrückt?" John durchforschte den Schankraum, aber zum Glück achtete niemand auf sie.
"Du hast nicht den Mut? Aber ich." Langsam hob Tom die kleine Pistole an seine Schläfe und legte den Zeigefinger um den Abzug. John entriss sie ihm und warf sie Tom in den Schoss. "Du bist absolut wahnsinnig!"
Tom sah ihn nur mit einem seltsamen Ausdruck an und schwieg. Sie massen< sich mit Blicken, bis John einlenkte.
"Du musst es weiter versuchen. Irgend jemandem muss doch auffallen, wie schön, wie wunderbar deine Gedichte sind."
Über Toms Wange rann glitzernd eine einzelne Träne. Er fühlte, dass es niemals passieren würde. Niemals.
Tom stand am winzigen Fenster seiner Dachkammer und versuchte, sich Luft in die Lungen zu pumpen. Es war eine schwüle Nacht und hier oben wehte kaum ein Luftzug. Von den Strassen erschollen verschiedenste Geräusche. Tom hörte sie kaum. Er zitierte in Gedanken aus einem seiner Gedichte:
Es wurde Zeit für ihn.
"Komm, Tod!" flüsterte er. "Sei willkommen. Wenn nichts mehr zählt -- nicht Ruhm, nicht Geld noch Ehr' -- der Hunger selig schläft in meinen ausgedörrten Darmen; komm jetzt! Erlöser ird'scher Qualen: Ich wart' auf dich."
Thomas ging lautlos zum Nachttisch, setzte das wartende Glas mit der durchsichtigen Flüssigkeit an die Lippen und trank schnell und ohne Zögern. Die giftige Lösung rann die Kehle hinab und hinterliess einen scharfen Geschmack. "Mach rasch. Lass die Schatten der Nacht gnädig mich umfangen."
Er stellte das Glas auf dem Nachttisch ab und legte sich vorsichtig aufs Bett. Schweisstropfen perlten auf seiner Stirn. Er fühlte nichts -- nur wohlige Wärme im Bauch. Während er dalag und versuchte, an nichts zu denken, fiel sein Blick auf die bemalte Keramiktasse im Regal. Der schwarze Todesengel sollte seinen Ruhm in die weite Welt hinausblasen. Aber all sein Hoffen starb nun mit ihm elendiglich auf der Matratze in einer erstickend heissen Mansarde.
Der Schmerz kam in ersten Wellen, die an Dauer und Intensität zunahmen. Einen Augenblick lang hatte Tom panische Angst, und presste die schmalen Hände auf den Bauch. Er keuchte. Nein. Es war besser so. Er hatte nichts mehr zu erwarten. Seine tastenden Hände bekamen einen beschmutzten Fetzen Papiers zu fassen. Die tränenden Augen versuchten den Sinn des Geschriebenen zu entziffern. Dann lächelte er unter Krämpfen und spürte, wie blutiger Schaum seine bleichen Lippen bedeckte. Er hustete und schloss die Augen, während sein Körper zuckte und sein Geist verdämmerte.
Als die Amseln das erste Morgenlicht verkündeten, entspannte sich
Thomas Chattertons Korper. Seine verkrampfte Hand öffnete sich und der
Fetzen Papier fiel leicht wie eine Feder zu Boden.
Mrs. Angell fand ihn am nächsten Tag. Fassungslos starrte sie auf den
mageren, verrenkten Körper zwischen den zerwühlten Laken, dann fiel ihr
Blick auf den Arm, der über der Bettkante hing und von dort auf das
am Boden neben Erbrochenem liegende Stückchen Papier. Mit bebenden Fingern
hob sie es auf und glättete es vorsichtig bevor sie las:
Mrs. Angell kniete an Thomas' Bett nieder und wischte ihm zärtlich den
Schaum von den Lippen. "Du bist nicht umsonst gestorben, mein Kleiner.
Ich verspreche es dir. Du warst doch erst siebzehn. Der Engel dort wird
deinen Ruhm in die Welt hinausposaunen. Glaub es mir."