Auf der Piazza von San Marco sitzen alte Männer unter einem Platanenwäldchen beim sonntäglichen Plausch.
Ich bleibe stehen und betrachte die helle, neobarocke Fassade der Kirche. Rechts daneben befindet sich der Eingang zum Konvent. Fra Angelico war hier einst zu Hause. Im Schutze des ansässigen Dominikanerordnens malte er seine frommen Bilder und verschönerte nebenbei die Zellen seiner Mitbrüder.
Die Klinke der Holztüre gibt nicht nach. Verblüfft entziffere ich auf dem Schild daneben, daß heute das Museum ausnahmsweise geschlossen bleibt. Enttäuschung macht sich in mir breit. Naja, sehe ich mir eben die Kirche an.
San Marco ist zu dieser mittäglichen Stunde menschenleer. Durch Fenster dicht unter der Decke sickert Tageslicht in die Kirche und gibt ihr einen betont fröhlich-barocken Anstrich. Ich gehe nach vorne zum Altar und werfe links einen Blick in die Antoninus-Kapelle. Antoninus war ein bedeutender Prior des Klosters zur Zeit von Cosimo de'Medici, lese ich in meinem Reiseführer. Und er war sein Gegner, was ich nicht nachvollziehen kann - schließlich hatte Cosimo nicht nur eine Menge Geld in Kirche und Kloster gesteckt, sondern sie auch dem Orden der Dominikaner übergeben, nachdem er sie aus Fiesole hierhergelockt hatte.
Nur ein paar Schritte weiter sehe ich es: das Denkmal für Girolamo Savonarola.
Und alles fällt mir wieder ein - die ganze, tragische Geschichte:
Der Prior von San Marco war nach dem Tode Lorenzo de'Medicis 1492 quasi zum Regenten
von Florenz aufgestiegen. Er übergab die Stadt dem
Gottesgericht, arbeitete für sie aber nichtsdestotrotz eine neue Verfassung aus
und schuf den Groß en Rat. Die Mehrheit der Florentiner war dem Prior
leidenschaftlich ergeben - ihm und seinen wahnwitzigen Reden und seinen Visionen
vom nahen Weltuntergang.
Nachdem er im Karneval des Jahres 1497 einen gigantischen Scheiterhaufen mit "eitlem Gerät" errichtet, verbrannt und den Borgiapapst Alexander VI öffentlich geschmäht hatte, zog der Stellvertreter Gottes daraus seine Konsequenzen: Der giftige Mönch mußte beseitigt werden.
Auch die Bevölkerung hatte die Bußen herzlich satt und wollte wieder so frei leben wie unter Lorenzo, seinem Vater und Großvater, dem alten Cosimo. Im übrigen stand die Stadt kurz vor dem päpstlichen Bannfluch.
Ein Jahr später griff der Pöbel wütend und rachsüchtig das Kloster an.
Ich blicke zum Hochaltar hinüber. Dort genau war es. In der Nacht brannten die Klostertüren. Plünderer, Marodeure und aufgehetzte Franziskanerlaien drangen in den Klosterhof ein und stürmten die Tür zur Sakristei von San Marco. Aber sie hatten die Rechnung ohne die unerschrockenen Dominikanermönche gemacht. Sie schwangen Kerzen, Leuchter und warfen mit schweren Kruzifixen nach den Angreifern. Andere warfen Steine und glühende Asche von den Dächern des Kreuzganges. Auf dem Altar stand ein riesiger Deutscher bewaffnet mit einer Armbrust und schoß auf alles, was sich bewegte.
Bis Savonarola plötzlich lautlos in einer Nebentür erschien und den
überlebenden winkte, ihm in die Bibliothek zu folgen. Dort wurde er vom Hauptmann
der Wache des Palazzo Priori im Namen der Signoria festgenommen und in den Kerker des
Rathauses geworfen.
Ich bleibe vor Savonarolas lebensgroßer, geschwärzter Bronzeplastik stehen
und fühle: so sah er aus. Die dunklen Augen schießen schreckliche Blicke
unter der tief in die knochige Stirn gezogenen Dominikanerkutte. Mein Gesicht ist auf
gleicher Höhe mit seinem. Er sieht mir in die Augen. Ich murmele zu ihm gewandt:
"Und nun, Savonarola, wohin hat es dich gebracht?" Falls sein Geist hier
umgeht, muß er mich gehört haben. Mich friert. Die schwarze Bronze strahlt
Kälte aus. Oder flüstert er mir eine Antwort zu, die ich nicht verstehe?
Du bist umsonst gestorben, Girolamo, und das weist du auch. Es war für eine gute Sache aber für "Sachen" zu sterben, lohnt sich nicht. Sandro Botticelli hat deinetwegen seine Bilder ins Feuer geworfen. Sie sind für uns auf ewig verloren. Wolltest du das? Ein Leben ohne Kunst: den größtmöglichen Ausdruck der Freiheit des Geistes? Dein Volk hat es dir nicht gedankt. Dir und deinem Widerstand gegen Rom und Kurie. Du warst ein Fanatiker, Girolamo. Und das, was die Welt am wenigsten braucht, sind Fanatiker. Dein Weg führte auf Galgen und Scheiterhaufen, aber Rom war dieselbe Kloake geblieben.
Wo bist du jetzt? Im Himmel oder in der Hölle? Du hast dich gegen den Stellvertreter Gottes aufgelehnt, aber ich glaube, wenn es einen Gott gibt, dann bist du jetzt im Paradies.
Ich löse meinen Blick vom Denkmal und entdecke daneben zwei in die Wand eingelassene Grabtafeln. Natürlich: hier wurden Pico della Mirandola und Angelo Poliziano in den härenen Gewändern des Gottesordens begraben. Was für ein Abstieg für die beiden einst so gefeierten Gelehrten und Freigeister am Hofe der Medici! Nun - des Menschen Wille ist sein Himmelreich.
Irgendwie schleicht sich ein flaues Gefühl in meine Magengrube und ein kalter Wind fährt mir ins Gesicht. Die Atmosphäre verändert sich und für einen schrecklich kurzen Augenblick scheint das Licht zu flackern. Mein Körper schmerzt, als würde er auf einer Streckbank in die Länge
gezogen. Ich sehe an mir herunter. Meine Füße stecken barfuß in Sandalen, darüber hängt der Saum einer Mönchskutte. Sie ist weiß.
Erschrocken hebe ich den Kopf und starre in die lebenden schwarzen Augen vor mir.
"Nun, Lionardo. Was starrst du so? Bist du dem Tod begegnet?"
Savonarolas Hand berührt mich leicht an der Schulter. "Komm mit mir, Bruder."
Bruder? Mit zitternden Händen taste ich heimlich meinen Körper ab; streiche mir verstohlen über die kurzen lockigen Haare. Was ist geschehen? Habe ich seinen Geist gerufen? Oder zu sehr gelästert? Abrupt befreie ich mich aus Savonarolas Arm. Er bleibt gleichfalls stehen und mustert mich nachsichtig.
"Aber Lionardo, mein Freund. Du wirst doch keine Skrupel haben? Du weißt doch, um was es geht. Das Spektakel wird unvergleichlich werden."
Sein Blick ist plötzlich besorgt. "Hat Michelangelo dir aus Rom geschrieben? Laß dich nicht irre machen. Dein Bruder hatimmer schon gemacht, was er wollte."
Er führt mich aus der Kirche hinaus in den anbrechenden Abend. Widerwillig bleibe ich stehen und werfe einen Blick über meine Schulter. Das Tor zum Klostergang von San Marco ist geöffnet. Mönche strömen heraus. Alle tragen sie die blütenweiße Kutte des Dominikanerordens. Der ruhige Ausdruck ihrer Gesichter wird überschattet von Erwartungs- freude; von einem himmlischen Hauch und dem missionarischen Eifer, das Richtige zu tun. Die neobarocke Fassade der Kirche ist verschwunden. Die kahle, nüchterne Fassade wird von einem heute nicht mehr vorhandenen Glockenturm überragt.
Ich habe mich also in Lionardo verwandelt: Fra Lionardo, der Bruder Michelangelos, der sich aus Begeisterung für Savonarola 1490 dem Dominikanerorden des Klosters von San Marco anschloß. Ich sehe aus wie er, aber mein Verstand gehört noch mir. Und warum verstehe ich jedes Wort des Priors? Auf Italienisch? Welch kafkaesker Traum!
Die Füße schmerzen in den flachen Sandalen und der rauhe Stoff des Unterkleides reibt auf meiner Haut. Savonarola sprach von einem Spektakel...
Wir schließen uns den Brüdern an, die in Zweierreihen den Platz von San Marco überqueren. Ich verstecke meine Hände in den Ärmeln der Kutte wie sie. Was soll das alles nur? Ich bin in eine falsche Zeit geraten... in eine Zeit, die ich irgendwie erträumt hatte. Als Außenstehender, als unsichtbarer Gast... Aber das hier - das geht entschieden zu weit!
Die Stadt riecht plötzlich anders... reiner... die Benzingeschwängerte Luft, die Abgase, die sich in den engen, hohen Straßen verfangen, ist verschwunden. Aber da hängt noch etwas anderes in der Luft: Gerüche nach faulen äpfeln, feuchten Lumpen, altem, zerfressenen Holz, fetten Bohnen und frischen Zitronen. Die Straße ist mit Unrat bedeckt, mit Hundekot und den Pfützen entleerter Waschschüsseln. Ich versuche, dem Dreck auf dem Boden genauso geschickt auszuweichen, wie die Mönche.
Savonarola mustert mich von der Seite. "So still heute, mein Freund?"
Ich schweige und senke den Kopf. Hinter mir höre ich das sanfte Gemurmel der Brüder. Ich weiß nicht, ob sie beten, oder sich leise unterhalten, aber ich kann ihre Erregung fast körperlich spüren.
Wir gehen durch die Via Ricasoli, die zum Dom führt. Aus den Hauseingängen strömen Menschen, rennen schreiend und heulend durcheinander. Manche verfolgen in weiße Tücher gehüllte Kinder und ringen mit ihnen. Vor uns zerschellt eine bunte Porzellanmaske auf den Steinen. Der Mann versetzt dem halbwüchsigen Kind eine Kopfnuß und läßt es laufen. Dann baut er sich an der Hauswand auf, stemmt die Hände in die Hüften und fixiert mit finsterem Gesicht den Prior und seine Klosterbrüder. Savonarolas brennender Blick frißt sich in die Augen des Mannes, bis der den Blick senkt.
Ich werfe einen kurzen Blick über die Schulter. Der Zug ist angeschwollen; viele Florentiner haben sich ihm angeschlossen. Sie tragen ihre Festtagskleidung: die Männer lange Strumpfhosen und darüber kurze Pumphosen, bunte Wämse und weite Hemden. Ich erinnere mich der Fresken Gozzolis und Ghirlandaios - die Frauen in losen, unterhalb der Brust geschnürten Gewändern mit Schleiern über der hochausrasierten Stirn... Mir scheint, als sei ich direkt in eines der Gemälde hineingefallen...
Der Lärm schwillt an. Die weiß gekleideten Kinder schleppen Waschkörbe,
deren Inhalt abgedeckt ist und als vor uns das Ungetüm des Domes auftaucht,
beginnen die Glocken schwer und tief zu läuten. Von allen Seiten strömen
nun die Menschen zusammen, selbst beladen mit Bildern, Masken, Musikinstrumenten und
Büchern. Der Zug schlängelt sich um den Dom zu seinem Vordereingang. Ich
erkenne ihn kaum wieder -- so sah er also aus, bevor er die buntgestreifte Marmorfassade
bekam: graurot und unansehlich, aber in seinen Dimensionen nach wie vor
überwältigend. Auch aus dem Kirchenportal strömen Menschen und mit ihnen
der Duft von Weihrauch. Ich werde mitgerissen und verliere Savonarola aus den Augen.
Alles quetscht sich durch die Enge der Via Calzaiuoli in die Weite der Piazza della
Signoria hinaus. Die letzten Sonnenstrahlen schneiden das graue Pflaster wie mit Messern.
Nichts, gar nichts ist so, wie ich es noch heute morgen gesehen hatte: der Neptunbrunnen
ist verschwunden; die Loggia ist leer: Cellini und Giambologna sind noch nicht geboren,
ebenso der Architekt der Uffizien - an ihrer Stelle lugt eine winzige, grau-braune
Kirche neben dem Rathaus hervor und eine endlose Reihe verfallener Häuser.
Neben dem Rathauseingang steht nur Donatellos Judith, die Holofernes gerade den Kopf
abschlägt. Ich bin sicher, daß Savonarola diese Bronzestatue mag. Ist er
nicht selbst wie diese schwache, jüdische Frau, die ihre Stadt vor dem gleichsam
übermächtigen Feinde rettete? War sie nicht immer Symbol der freien Stadt
Florenz? So, wie es später Michelangelos "David" war, und deshalb an
exakt diesen Platz gestellt wurde?
Von allen Seiten strömen Menschen herbei und der Platz füllt sich. Was sie sehen, verschlägt ihnen und auch mir den Atem: Auf der Mitte des Platzes ist ein riesiger Berg errichtet worden. Eine gigantische Pyramide aus trockenen Zweigen, Lumpen und Papier. Darüber liegen Karnevalskostüme, durchsichtige Kleider, Perücken, Tapeten, schwere Marmorskulpturen, Masken und sogar Juwelen und Schmuck. Die weißgekleideten Kinder kippen darüber die Inhalte ihrer Waschkörbe aus. Schachfiguren, Würfel und Bälle kullern heraus, Parfümflakons, Puderdosen, Lockenscheren und Spiegel folgen.
Wie ein Geist taucht plötzlich Savonarola wieder neben mir auf. Seine Finger umschließen schmerzhaft meinen Oberarm. Seine Stimmeschnarrt in meinem Ohr.
"Karneval, Lionardo. Es ist Karneval. Sagen wir allen Gelüsten ade."
Er grinst mir ins Gesicht. "Man hat uns 22.000 Gulden für den Plunder angeboten. Stell dir vor -- 22.000 Gulden von einem venezianischen Kaufmann!"
Am liebsten hätte ich ihm ins Gesicht geschrien: "Ich weiß, alter Narr. Ich habe davon gehört."
Kann ich die Geschichte ändern? Was wäre, wenn ich den Prior hier vor aller Augen erwürgen würde? Man würde mich ohne Zweifel selbst ins Feuer werfen.
In hohem Bogen fliegen Bücher auf den Scheiterhaufen. Und Bilder. Zwei Dominikanermönche legen eine Leiter an den Berg. Eine groteske Puppe wird ihm quasi als Krönung aufgesetzt. Sie sieht aus wie eine Vogelscheuche mit gespaltenen Hufen und einem weißen Wattebart.
Die Menge wird langsam exstatisch. Die letzten Sonnenstrahlen verglühen zu einem Nichts. Mit der Dämmerung hebt Savonarola die mageren Arme. Augenblicklich wird es still.
"Die Welt ist verderbt, verderbt ist die Kirche, deren Priester statt der Bibel die Büucher der heidnischen Antike lesen, die sich nur der Dichtkunst und Rhetorik widmen. Während in der ursprünglichen Kirche die Kelche von Holz und die Priester von Gold waren, hat die Kirche heute Kelche von Gold und Priester von Holz."
Seine furchtbare Stimme schallt weit über den Platz. Die Leute ducken sich unwillkürlich. "Verderbt sind die Fürsten, deren Paläste und Höfe zum Schlupfwinkel für Schurken und Verbrecher geworden sind, die an nichts anderes denken, als an neue Steuern, mit denen sie das Blut des Volkes aussaugen können."
Jubel brandet kurzzeitig auf.
"Oh Herr, du hast wie ein erzürnter Vater gehandelt, du hast uns von Deinem Angesicht verstoßen. Beschleunige wenigstens die Strafe und die Geißel, damit uns bald Dein Anblick wieder vergönnt sei. Gieße Deinen Zorn aus über die Menschen. Erschreckt Euch nicht, oh Brüder, über diese Worte, sondern im Gegenteil, freut Euch, wenn Ihr seht, daß die Guten die Züchtigung ersehnen, weil sie ersehnen, daß das Übel zertreten werde und das gesegnete Reich Jesu Christi in der Welt wachse und gedeihe.
Für uns bleibt heute nichts anderes zu hoffen, als daß das Schwert Gottes bald über die Menschen kommen möge.
Und du, Volk von Florenz, wirst auf diese Art und Weise die Erneuerung in ganz Italien einleiten, du wirst deine Flügel über die Welt ausbreiten, um allen Völkern die Erneuerung zu bringen. Sei eingedenk, daß der Herr deutliche Zeichen gegeben hat, daß er eine Erneuerung von Grund auf will, und daß du das auserwählte Volk bist, um dieses große Werk zu vollbringen, solange du die Gebote dessen, der dich berufen hat, befolgst."
Savonarolas fast wahnsinniger Gesichtsausdruck läßt mich erschauern. Es ist wieder mucksmäuschenstill auf dem Platz. Auf sein Zeichen hin nimmt ein Bruder eine Fackel auf und hält sie an den Haufen. Die Lumpen entzünden sich, qualmen und das Feuer beginnt, sich in die Höhe zu fressen. Savonarola hebt abermals die mageren Arme. Die Leute haben auf dieses Zeichen gewartet und brechen in Triumphgeheul aus. Es gellt entsetzlich in meinen Ohren.
"Er ist das lebende Gewissen der Kirche", sagt ein Mönch neben mir. "Freue dich, Lionardo, freue dich doch."
Als Antwort brummt ein beleibter Mann: "Es ist eine Schande! Eine Barbarei! " Er nimmt seine grüne Samtkappe vom Kopf und wischt sich über die kahle Stirn. Der Mönch funkelt ihn haßerfüllt an.
Ich gehe ein paar Schritte zurück und lausche den Erklärungen eines anderen Bruders: "Der Kegel besteht aus sieben Stufen, siehst du es? Wie bei Dantes "Commedia". Der Purgatorio hat auch sieben Stufen. Bruder Girolamo sagt, es stehe auch für die sieben Todsünden. Siehst du? Ganz unten die Masken und Karnevalskleider, darüber die Bücher, dann dieToilettenartikel, die Musikinstrumente, Spielgerät und die Zeichnungen und Bilder. Ist das nicht einfach großartig?"
Am liebsten würde ich wegrennen. Aber der Anblick des brennenden Berges läßt mich nicht los.
Weitere Bücher fliegen ins Feuer. Der Wind blättert in den Seiten. Ich entziffere Petrarcas Liebesgedichte an Laura, Ovids "Liebeskunst", Boccaccios "Decamerone"; Schriften von Aristophanes und Anakreon.
Wer verbrennt Bücher? Das ist ein Verbrechen! schreit es in mir. Ich möchte
den verdammten Dominikaner und seine Anhänger schütteln, bis sie zur Besinnung
kommen... Ich beschließe, einfach nicht mehr hinzusehen, aber es gelingt mir
nicht.
Von der gegenüberliegenden Seite nähert sich ein großgewachsener Mann
mit braunem Haar. Sein brokatfarbener Mantel schimmert im Widerschein des Feuers. Jetzt
schlägt er ihn zurück, holt mehrere bemalte Holztafeln und Pergamentpapier
hervor. Sein Blick scheint traurig.
"Sandro", schießt es mir durch den Kopf. "Alessandro Botticelli!"
Der Mann streicht noch einmal zärtlich über den Firnis der Bilder. "Tu's nicht, Sandro. Bitte nicht." Ich scheine zu schreien, aber aus meiner Kehle kommt nur ein Flüstern. Die Bilder landen in hohem Bogen im Prasseln des Feuers, das seine Beute gierig umschließt und zu weißer Asche verbrennt.
Alessandro senkt den Kopf. Ein Bruder klatscht Beifall und ruft ihm segnende Wünsche zu. Ich kann nicht anders, ich muß zu ihm gehen und ihm in die Augen sehen. Ich dränge mich durch die schreiende, taumelnde Menge und greife nach Sandros Arm. Erstaunt sieht er mich an. "Bist du nicht Michelangelos Bruder?" Ich nicke stumm.
"Er wäre nicht begeistert von dem, was du gerade getan hast."
War ich das? Habe ich gesprochen? Ich sehe in seine bernsteinfarbenen Augen. Er scheint mich verstanden zu haben. Kleine Schweißbäche laufen ihm übers Gesicht. Mit einem Ruck entledigt er sich des Mantels und wirft ihn ebenfalls ins Feuer.
"Alles ist eitel, Lionardo. Wozu der kostbare Mantel? Wozu die teuren Farben für heidnische Leiber verschwenden? Der Tod ist nah."
"Aber Sandro, der Tod ist stets nur ein Wimpernschlag von uns entfernt. Warum ihn fürchten? Das Paradies wartet auf uns."
Er starrt mich an. "Ich hätte sie gerne gesehen, Sandro", fahre ich leise fort. "Was war es? So etwas, das du für Lorenzo di Pierfrancesco maltest?"
Ich trete noch dichter an ihn heran. "Wenn die Bilder bei dir gewesen wären, hättest du auch die Venus ins Feuer geworfen? Die wunderschöne Venus oder die Frühlingsgöttin? Würdest du Simonetta noch einmal töten, nur weil sie schön ist? Warum, glaubst du, hat Gott sie schön gemacht? Warum hat er dir dein Talent gegeben? Magnifico würde dich verfluchen für das, was du getan hast. Habt ihr nicht immer die Schönheit um der Schönheit Willen gefeiert? Ohne einen primitiven Hintergedanken?"
Sandro weicht einen Schritt zurück. "Was sprichst du da? Du bist nicht Lionardo. Kein Mönch würde wagen, so etwas auszusprechen."
"Ich war nicht immer Mönch, Sandro."
"Michelangelo hat Savonarolas Reden stets verschlungen -- und nun ist er aus Florenz geflohen. Ich verstehe nicht, warum."
"Mein Bruder war damals noch fast ein Kind, als er den Reden des Priors im Dom lauschte. Savonarola mag Kinder und alte Leute mit seinen Predigten erschrecken, aber wer denken kann, der flüchtet, Sandro."
Ich zeige auf den Scheiterhaufen. "Was meinst du, wäre mit Michelangelos Sachen passiert, wäre er hier geblieben?"
"Du meinst den antiken Cupido, den er gefunden hat? Sie hätten ihn wahrscheinlich zerschlagen."
"Der Cupido war eine Fälschung. Mein Bruder hat ihn gemacht, um ihn an reiche Nichtsnutze in Rom verkaufen zu können."
Der Geruch verbrannten Holzes mischt sich mit dem Duft aus den zerbrochenen und geschmolzenen Parfümflakons. Es riecht, als würde man Leichen verbrennen
"Zum Glück müssen das Pico und Agnolo nicht mit ansehen", fahre ich fort. "Siehst du dort? Die Bücher von Luigi Pulci. War er nicht ein Freund von dir?"
"Ja. Sie haben ihn wie einen Heiden begraben." Ich kann Alessandros Stimme im Heulen des Feuers kaum verstehen. Er siehtmich gequält an.
"Aber Savonarola hat recht, Lionardo."
Darauf weiß ich nichts zu antworten. Ja, natürlich, er hat im Prinzip Recht. Aber darf man mit so billigen Tricks arbeiten?
Ich fühle mich von zwei stechenden Augen beobachtet. Der Prior sieht mir triumphierend ins Gesicht. Die Stadt gehört mir, scheint er zu sagen. Ich werde sie führen, ich werde Rom in die Knie zwingen, ich werde Papst werden und die Christenheit ein zweites Mal erlösen...
Die heulende, wahnsinnige Menge stimmt Kirchenchoräle an. Sie schwenken die Arme - ihre Münder sind weit aufgerissen.... Momentaufnahmen wie auf den surrealen Bildern eines Edvard Munch. Die Mönche fassen sich bei den Händen und tanzen um das Flammenmeer herum. Der Widerschein färbt ihre Kutten blutrot.
Meine Ohren hören nichts mehr. Alessandro Botticelli hat mich wortlos verlassen. Ich atme Rauch und versengte Luft und über mir rieselt weiße Asche herab, bis sie den ganzen Boden der Piazza bedeckt...
Das Feuer erlischt zu einem letzten Glühen in Savonarolas Augen.
Ich fühle mich in die Luft gehoben. Schwerelos gleite ich dahin, über die Dächer der Piazza della Signoria bis hinauf zum Glockenturm des Rathauses. Dort oben - in einem fensterlosen Raum - sehe ich Savonarola in der Ecke liegen, auf einem Bündel nassen Strohs. Sein Körper ist blutbedeckt und sein Atem geht viel zu schnell. Er dämmert seinem Todesurteil entgegen...
Ein Sturm erfaßt mich und ich falle ins Bodenlose. Die Mauern wanken und alles
wird still.
Meine Augen sehen in die leblosen, dunklen Augen Savonarolas. Die schwarze Bronze
strahlt Kälte aus.
Ich taumle und lasse mich auf die harte Kirchenbank fallen. Ich kann wieder sehen und
wieder hören. Die ausgetretenen Sandalen und die Mönchskutte sind verschwunden.
Ich bin wieder ich - wenn ich jemals etwas anderes gewesen sein sollte. Seltsamer Traum.
Eine deutsche Reisegruppe strömt in die Kirche hinein. Ich höre den jungen,
kurzbehosten Reiseleiter sagen, daß das Mosaik dort drüben aus der Kirche von
Alt-Sankt Peter stammt. Seine Stimme ist wie Watte in meinen Ohren. Ich höre noch
immer das Knattern und Rasseln und asthmatische Fauchen des Scheiterhaufens. Ich rieche
noch die verbrannten Bücher, die Kleider, die Bilder. Der süße Duft von
Parfüm und Puder...
Ich schließe kurz die Augen, stehe langsam auf und wende mich zum gehen. Wirklich,
ein seltsamer Traum. Und während ich noch den Kopf schüttle, rieselt
weiße Asche aus meinem Haar....