Julian sog die Luft ein während er auf den Stufen verharrte, die zum
Hilton Hotel führten, die Hände in den Taschen seines Mantels
vergraben. Er fühlte sich müde und zerschlagen. Kein Wunder
nach der Nacht. Seine Füsse schmerzten weil er ihnen nach der
gestrigen Aufführung keine Ruhe gegönnt hatte. Weder er selbst
noch seine Füsse wurden jünger.
Julian lächelte über sich selbst. Noch war Zeit genug das Leben
zu geniessen, andere Betten zu erkunden und viele Exstasen zu
durchleben. Dazu gehörte vielleicht nicht unbedingt letzte Nacht,
aber immerhin...
Ein schwarzer Portier in roter Livree mit goldenen Litzen und einer
ziemlich albernen Mütze dienerte, als eine dunkle Limousine vorgefahren
kam. Julian zog die Mundwinkel herab. Moderne Sklavenarbeit. Musste das
Hotel zu dieser Arbeit ausgerechnet einen Schwarzafrikaner einstellen?
Irgendwie reagierte sein Magen darauf empfindlich.
Unentschlossen stand er noch immer auf der Treppe und starrte blind auf
den weiten Platz, der sich vor ihm öffnete. Der alte Gendarmenmarkt im
Herzen Berlins hatte seine kühle, klassizistische Kulisse umkleidet mit
kleinen Fachwerkbuden mit schneebedeckten Dächern, Pfefferkuchenausladen
und Weihnachts-tand. Der Geruch nach Glühwein und Zuckerwatte stach
ihm in die Nase. Komisch. Er hatte den Markt nicht bemerkt, als er sich
gestern nacht mit Karim in dessen Hotelzimmer geschlichen hatte.
Er war irgend so ein Schauspieler, der dachte er wäre was besonderes.
Naja, Julian war niemals einem one night stand abgeneigt, und Karims
dunkle Haut und seine feuchten Mandelaugen hatten ihn irgendwie
mitten ins Herz getroffen. Schliesslich war viel Platz in seinem
Herzen und er hatte Patrick weder geheiratet noch ihm sonst wie
Versprechungen gemacht.
Julian ging langam die Treppe hinab und schlendete über den
Weihnachtsmarkt. Es war der 24. Dezember und trotz oder vielleicht
gerade deswegen schoben sich viele Leute ueber den Platz auf der Suche
nach den letzten Geschenken.
Gestern abend hatten sie ihre letzte Aufführung von Schwanensee
gehabt und weil weder er noch Patrick eine Rolle in der Nussknacker
Suite hatten, die über die Weihnachtsfeiertage aufgeführt wurde,
freute er sich auf ein paar freie Tage. Sie würden es sich
am Kamin gemütlich machen.
Julian erstarrte. Seit wann verlangte es ihn nach Gemütlichkeit?
Nach Teenagergefummel unter den Decken auf der Couch während sie
sich 'Kevin - Allein zu Haus' oder 'Der kleine Lord' ansahen?
Auf der anderen Seite.... die Bratäpfel, die Patrick machte, waren
wirklich gut.... Weihnachten war die einzige Zeit da Patrick seinen
Diätplan lockerte und etwas anderes ass as Müsli, fettarmen
Käse und Tonnen von Früchten. Er beneidete Julian, der alles
essen konnte, was er wollte; er nahm nie ein Gramm zu weil er genügend
während der Aufführungen verlor. Auf der Bühne fühlte
er sich frei; eine vollständige Verkörperung der Musik, die er
hörte. Und gestern war es nicht anders gewesen....
Schneeluft
Julian sah hoch zum Himmel, der sein strahlendes Blau verloren hatte.
Gestern noch schien die Welt zu einem zweiten Frühling erwacht zu sein,
aber nun hatte sich der Himmel zu einer strahlenden Weissheit verdichtet,
kalt und knirschend und aus dem es jeden Augenblick schneien konnte.
Patrick lächelte nicht. Versammelt und konzentriert starrte er auf einen Punkt im Publikum nahe der Bühne. Feuchte Mandelaugen und dunkle Haut... Karim. Natascha wirbelte mit ihm über die Bühne; er umfasste fest ihre magere Taille und die spindeldürren Arme. Ihre magere Knochigkeit missfiel ihm. Viel lieber knetete er abends Patrick's muskulösen Rücken und das was darunter war: den süssesten Hintern, den er je gesehen hatte - ausser seinem eigenen vielleicht. Nicht jedesmal führte es dahin, wohin Julian es gerne gehabt hätte weil Patrick oft einfach zu müde war und lieber kuscheln wollte. Julian zog eine Schippe. Kuscheln konnten sie wenn sie achtzig waren. Er wollte Sex bis er nicht mehr konnte und Patricks sanfte Nüchternheit zog ihn jedesmal wieder auf den Boden zurück. Trotzdem blieb er bei ihm.
Patrick sprang auf die Bühne, verwandelt in Benno, Siegfrieds schwuler
and eifersüchtiger Freund, und Siegfried würde bald den
Einflüsterungen einer neidischen Seele erliegen. Sekundenlang
standen sie schwer atmend Seite and Seite bevor das Schwanensee-Thema
erklang und Julian/Siegfried wieder mitgerissen wurde in einen Taumel
aus Staub und Schweiss und Euphorie.
Patrick fixierte Julian im Spiegel ihrer Garderobe. Er sah zu wie er sich
abschminkte; der Wattebausch mit der weissen Flüssigkeit verschmierte
den Maskara um seine Augen und saugte das Make up auf. Übrig blieb nur
das junge, grauäugige Gesicht mit aufgeworfenen, etwas rissigen Lippen
und der gebrochenen Nase, dort, wo Patricks Fusstritt ihn Jahre zuvor
getroffen hatte. Man sah es kaum, wenn man es nicht wusste und Patrick
war dankbar dafür. Julian war ziemlich eitel.
"Hast Du die Blicke bemerkt?" fragte er nun in beiläufigem Ton. Ihre Augen trafen sich im Spiegel. Julian zog lässig das Haarband von der Stirn, das seine langen, blonden Haare zurückhielt.
"Welche von den vielen?"
Patrick verdrehte die Augen. "Alle, Mann. Da ist keiner, der nicht fasziniert ist von Siegfried, dem Schwanenprinzen."
"Und von Benno, seinem schwulen Freund. Ich frage mich ob irgend jemand je die tiefere Bedeutung erkannt hat." Julian bückte sich und massierte seine schmerzenden Zehen. "Falls Du die Mandelaugen in der ersten Reihe meinen solltest, ja, ich habe sie gesehen."
Patricks Augen lauerten; warteten auf etwas das gleich kommen würde. Aber Julian sprang nur auf und machte ein paar Hüpfer.
Patrick seufzte, warf sich seinen Mantel über und blieb bei der Tür stehen.
"Wann kommst du nach Hause?"
Julian vermied seinen Blick und tat gleichgültig. "Später", sagte
er und Patrick riss wütend die Tür auf. Er prallte fast mit den
Mandelaugen zusammen, fluchte und rannte den engen, muffigen Korridor
entlang.
Julians anziehendes Gesicht verhärtete sich. Er kneisterte, als eine seit
gestern Nacht vertraute Gestalt die Eingangstür des Hilton Hotels
passierte. Die Mandelaugen sahen ihn nicht. Er war entlassen aus ihrem
Blickfeld und wieder frei. Frei für Kartoffelsalat und Pantoffeln.
Mit einem Satz war er drin und schloss die Tür hinter sich. Er wickelte den Schal vom Gesicht und liess sich auf einem Hocker nieder.
"Was soll der Mummenschanz? Bist du Opernsänger und musst deine Stimme schonen?"
Karim musterte ihn von oben bis unten. Von den nackten Schultern über die schmalen Hüften bis zu den strumpfbedeckten Beinen. "Du weisst nicht, wer ich bin?" fragte er dann mit heller Tenorstimme.
Julian zuckte mit den Schultern. "Sollte ich? Bist du bekannt aus Funk und Fernsehen? Sorry, aber ich sehe kaum fern." Julian wandte sich wieder seinem Spiegelbild zu.
"Um so besser." Karim stand auf. "Kommst du?"
"Wohin?"
Der Gendarmenmarkt lag leer als sie die kurze Strecke von der Staatsoper
zu Fuss gingen. Nur die üblichen Nachtschwärmer, die aus oder in die
edlen Restaurants strömten. Julian war einmal im Borchard's mit
einem lover gewesen und hatte Kanzler Schröder gesehen, der sich
überraschenderweise genauso normal benommen hatte, wie jeder dort.
Julian fragte sich, wie das Hilton wohl von innen aussehen mochte,
aber alles, worauf er später achtete, war Karims Schwanz, der vor
seinem Gesicht pendelte und nervös zuckte. Und seine Rückansicht.
"Du machst das nicht oft, richtig?" fragte er ihn undeutlich, während er an seiner Eichel saugte und Karim spitze Lustschreie ausstiess. "Was bist du eigentlich für einer?" fragt er er später, als er hinter Karim kniete, und sich zwischen seine Arschbacken grub. Karim schrie nun in Pein aber Julian achtete nicht darauf, er wartete nur bis Karim ihm bedeutete, weiter zu machen.
"Suchst du dir irgendwelche Typen, die deinen Schwanz lutschen weil deine Frau es nicht macht?"
"Sie macht es, aber nicht richtig." presste Karim zwischen den Zähnen hervor.
Julian grinste. Was für ein armer Esel.
Er verschluckte sich und hustete. Karim drehte sich um und ihre Augen trafen sich. Merkwürdig. Im kalten, weissen Licht dieses Weihnachtsmorgens hatten Karims Augen ihre betörende Wirkung verloren. Sie musterten ihn wie ein Insekt und Julian wandte sich demonstrativ ab. Er trank den letzten Rest und schlenderte weiter. Er hatte noch kein Weihnachtsgeschenk für Patrick... Dann fiel ihm ein, dass er ja nicht nach Hause gehen wollte. Patrick langweilte ihn zu Tode, heute abend wollte er was richtiges erleben.
Aber was? Hatten die Kneipen an diesem Abend überhaupt auf? In Gedanken checkte er alle Bars, die er kannte. Natürlich hatten sie gerade an diesem Abend geöffnet, bereit für den Ball der einsamen Herzen.
Julian frierte als er den weiten Platz langsam verliess und auf den Boulevard der Friedrichstrasse zuging. Hier herrschte noch mehr geschäftiges Treiben. Er rempelte und wurde gerempelt von blasiert wirkenden Frauen mit ihren Gucci und Dolce & Gabbana-Tüten. Vielleicht sollte er Patrick etwas aus dem Cerruti-Laden mitbringen. Ein paar Socken vielleicht oder eine Brieftasche? Obwohl der junge Frechdachs schon lange dort nicht mehr arbeitete. Wie war sein Name gewesen? Kay? Dann fiel ihm wieder ein, dass er ja heute nicht nach Hause gehen wollte.
Vor einem Schweizer Juwelierladen blieb er abermals stehen. Patrick liebte Uhren... In sich hineinstöhnend zog er davon an die Ecke, die ein riesiges Schaufenster einnahm, geschmackvoll weihnachtlich dekoriert. Er trat näher und musterte die Auslagen. Kleinmöbel, Rahmen, antikisierte Bilder, Teppiche. Sein Blick schweifte über den Innenraum und blieb an einem Bild hängen. Es war mit roter und weisser Kreide gemalt und zeigte das Porträt eines Mannes mit Turban. Ohne zu zögern trat er ein. Eine melodiöse Glocke erklang und aus dem Nichts materialisierte sich ein junger Verkäufer mit einem freundlichen, wenn auch leicht unsicheren Lächeln. Seine grau-blauen Augen blitzten ihn an.
Julian war sich wohl bewusst der katzengleichen Anmut, mit der er sich bewegte. Alles andere wäre auch eine Schande für seinen Berufsstand gewesen. Er drückte das breite Kreuz durch und lockerte seine Hände.
"Suchen Sie nach etwas bestimmtem?"
Julian nickte und trat zu dem Bild an der Wand.
"Oh, gute Wahl. Es ist eine Kopie."
"Kein Original?"
Der junge Mann lächelte unsicher. "Ich meine, es ist gemalt worden nach einem Original von Michelangelo."
Julian strahlte ihn an. "Michelangelo! Ich dachte er war nur Bildhauer."
Sein Gegenüber schüttelte den Kopf und kramte aus seinem Gedächtnis alles zusammen was er neulich gelernt hatte. Vom Nebenraum drangen Stimmen an Julians Ohr. Vorsichtig lugte er durch die Tür und sah ein Paar um einen Tisch sitzen, auf dem Stolle lag und es aus den Tassen dampfte.
"Natürlich werden Sie sich an die Decke der Sixtinischen Kapelle erinnern", begann der Verkäufer, aber Julian schien ihm gar nicht zuzuhören, also liess er ihn allein, anscheinend versunken in seiner Kontemplation während er das Bild betrachtete. In Wirklichkeit lauschte er dem Gespräch, das nebenan geführt wurde. Ab und zu linste er hinüber und sah beide Männer die Köpfe dicht beieinander, der ältere von beiden spielte mit des jüngeren Finger. Es war nur allzu klar, dass die beiden ein Liebespaar waren, alles sprach dafür: die Blicke, die Berührungen - und einen scharfen Blick auf den jungen Mann in der Ecke werfend - fragte er sich, ob er dazu gehörte. Auf einmal hellwach musterte er ihn, aber er war beschäftigt mit dem Zurechtrücken von Preisschildern und dem Blättern in einem Buch.
"Und was ist mit deinen Eltern? Wirst du sie nicht mal einladen zu Weihnachten?" fragte der jüngere der beiden.
"Meine Eltern? Habe ich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Sie schicken die obligatorischen Karten und rufen and um sich nach dem Geschäft zu erkundigen."
Der jüngere schwieg und sagte dann "Sie sind nicht interessiert, mich mal kennen zu lernen?" Seine Stimme klang ein klein wenig traurig und Julian rückte noch ein Stück näher zur Tür, vortäuschend, an einer alten Kommode interessiert zu sein. Die schwarzen Haare des älteren Mannes schimmerten im Schein der Kerze, die auf dem schmalen Tisch stand. Er sah den dunkelblonden, jungen Mann an. "Weisst du, sie waren niemals daran interessiert meine Partner kennenzulernen. Sie kannten Sebastian, und das war genug. Sebastian war der Mann, der ihren Jungen versaut hatte, und all die anderen Perverslinge konnten ihnen gestohlen bleiben."
Julian sah, wie er sich schüttelte und dann leise fortfuhr, "Ich tue ihnen wahrscheinlich unrecht. Eigentlich haben sie sich mit meinem Lebensstil abgefunden. Obwohl sie ihn nicht verstehen, respektieren sie ihn und ich habe nie einen Vorwurf gehört." Er unterbrach sich und näherte sich dem jungen Mann an seiner Seite. "Würdest Du sie gerne kennenlernen?"
Julian beobachtete seine Reaktion. Erst sah er unentschlossen aus, dann breitete sich ein zauberhaftes Lachen auf seinem Gesicht aus. "Ich würde gerne sehen, von wem du dein gutes Aussehen hast", grinste er und platzierte einen ziemlich schallenden Kuss auf die Lippen des älteren. Julian drehte sich um und sah nervös zum Verkäufer hin, der geduldig in einer Ecke des Raumes wartete. Er schien zu lächeln.
Julian erwiderte es aber dann starb das Lächeln auf seinem Gesicht. Dieselbe Auseinandersetzung hatte er doch schon mal gehört... Er trat wieder vor die Kopie einer Zeichnung Michelangelos.
"Möchten Sie es kaufen?"
Julian überlegte, dass es gut ins Schlafzimmer passen würde und er hätte endlich das passende Geschenk fuer Patrick. Gleichzeitig fiel ihm ein...
Der Verkäufer nahm das Bild vorsichtig ab und trug es zur Kasse. "Nick, jemand möchte dein Bild kaufen", rief er über die Schulter. Julian hörte, wie der junge Mann vom Nebenraum aufstand und zu ihnen kam.
"Tommaso dei Cavallieri", sagte er und schenkte seinem Partner ein Lächeln quer über den Raum. "Eine gute Wahl. Es ist ein Unikat."
Julian lächelte abwesend und zog seine Brieftasche. Das war ziemlich das teuerste Geschenk das er Patrick jemals gemacht hatte. "Sie haben es gemalt?" fragte er und las die Signatur.
"Hüten Sie es gut. Der Wert wird steigen mit der Zeit." Der ältere Mann lehnte lässig im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Julian gab ihm einen tiefen Blick und irgendwas rührte sich tief in ihm. Wenn beide allein gewesen wären, hätte er all seinen Charm spielen lassen für eine Nacht mit ihm. Aber der Mann zeigte keine Spur von Interesse. Pech heute, baby. Die besten sind immer schon vergeben.
Julian nickte letztendlich, wünschte ihnen eine frohe Weihnacht und verliess den Laden. Irgendwie fühlte er sich krank als er den Laden verliess und noch einmal einen Blick hinein warf. Die beiden standen eng umschlungen und schienen zu flüstern. Rasch sah er wieder weg und begann die Strasse hinabzulaufen in Richtung Bahnhof. Das Paket wog schwer unter seinem Arm.
Ihre gemeinsamen Weihnachtsfeste hatten sich jedesmal zu einer kleinen Katastrophe gestaltet. Patricks Mutter, eine herrische Beamtenwitwe, hatte nicht viel übrig für Julian und schon gar nicht für den Beruf, den beide ergriffen hatten. Tanzen war etwas für Memmen, Weicheier, und Schwule sowieso. Dennoch kam sie jeden ersten Weihnachtsfeiertag und erzählte ihnen mit wehmütiger Miene von Enkelkindern, die sie zu diesen Gelegenheiten reich beschenken könnte und schielte missmutig auf Julian, mit dem sie sich als 'Schwiegersohn' so gar nicht abfinden konnte. Wenn Julian genervt in sein Zimmer verschwand folgte ihm Patrick bald weil seine Mutter gegangen war und die miese Stimmung verbreitete sich im ganzen Haus.
Nur wenn sie zusammen tanzten war alles gut. Im Keller ihres Hauses, das Julian von seiner Tante geerbt hatte, hatten sie sich ein Tanzstudio eingerichtet. Dielen, eine Laufstange, die eine Wand des Raumes komplett verspiegelt. Für's Tanzen war Patricks Perfektion ideal; er hatte aus Julian alles herausgeholt, was zu holen war.
Tief in Gedanken bog Julian ab zum Maritim-Hotel und nahm an einem der Tische im Restaurant platz. Gelangweilte Touristen wohin er sah, die sich die Zeit mit Essen vertrieben und Geschäftsleute, die mit Händen und Füssen erzählten. Eigentlich wusste er nicht, womit er die Zeit bis zum Abend totschlagen sollte. Er seufzte and pickte in seinem Essen herum. Patrick packte gerade jetzt in diesem Augenblick die Geschenke ein, mit der ihm eigenen Pedanterie und wenn er endlich nach Hause käme, würde er so tun, als wäre letzte Nacht gar nichts passiert. Wie immer. Beide träumten sie von einem eigenen Theater, oder wenigstens einem Platz, wo sie ihre Träume wahr machen konnten, zum Beispiel das Ballett Schwanensee in eine komplett schwule Aufführung zu verwandeln. Jeder Part würde von Tänzern übernommen werden. Aber daraus wuerde sowieso nichts werden. Julian hatte dafür einfach nicht genug Durchhaltevermögen.
Wehmütig dachte er an den Weihnachtsbaum, der zu Hause auf ihn wartete. Patrick hatte Talent, ihn so zu schmücken, dass er nicht überladen war aber auch nicht aussah wie ein Baum aus dem Ausverkauf. Dann fiel ihm ein, dass es dieses Jahr keinen Weihnachtsbaum geben würde und der Ärger darüber liess ihn sein Essen verschlingen ohne zu wissen, was er eigentlich ass. Er zahlte schliesslich und verliess das Hotel.
Wenn überhaupt möglich, so war der Himmel noch weisser geworden, und die Luft roch nach Schnee. Wie lange hatte es in Berlin keine weisse Weihnachten gegeben? Zehn Jahre oder mehr?
Sein Blick fiel auf die gegenüberliegende Seite. Ein hohes, weisses Gebäude mit Schaufenstern, voll gestopft mit Büchern. Auf dem Dach flappte die rote Flagge mit dem Namen 'Dussmann' im Wind. Leute strömten hinein und heraus, beladen mit Tüten und Paketen. Julian fragte sich, warum jedermann bis zum Schluss mit seinen Weihnachtseinkäufen warten musste. Aber, auf sein eigenes Paket schauend, das er unter den Arm geklemmt hatte, gehörte er wohl selber zu diesen Leuten. Er grinste über sich selbst.
Weil er nichts besseres zu tun hatte, überquerte er die Strasse und betrat das überdimensionale Haus der Bücher und Musik, der Videos und Games, und damit eine komplett neue Welt. Er schnupperte die Luft und ging an den Auslagen vorbei: links ein Stapel Harry Potter-Bücher, und rechts 'Der Herr der Ringe', beide nun im Kino zu bewundern. Patrick hatte davon gesprochen sich beide ansehen zu wollen, aber Julian hatte keine Ahnung von diesen Büchern weil er niemals las. Ein weiterer Stapel mit historischen Schinken... Patrick liebte Bücher, je dicker desto besser, während Julian niemals über 'Die Schatzinsel' hinausgekommen war - Pflichtlektüre für den Englischunterricht.
Die Kassen waren belagert und die Verkäufer sahen ziemlich gestresst aus. Weihnachtsmusik strömte durch das vierstöckige Haus. Es war ein besonderer Tag heute und Julian fühlte einen Stich. Gerade an diesem besonderen Tag musste er Patrick allein lassen?
Er umfasste sein Paket fester und wollte gerade gehen als sein Blick auf einen Mann fiel, der in einem Sessel sass und ein ziemlich dickes Buch las. Julian erkannte ihn sofort obwohl er ihn seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Während er noch nachdachte, was er sagen sollte, hatten seine Füsse ihm schon die Entscheidung abgenommen.
Der Mann sah auf. Er hatte immer noch die wasserblauen Augen und eine neue, dünne, plasse Narbe quer über die Wange - ein Überbleibsel seines Unfalls. Der Mann zwinkerte.
"Julian", sagte er dann erfreut. "Was führt dich hierher?" Dann, auf Julians Paket schauend, "ich seh schon, du machst deine letzten Weihnachtseinkäufe." Er zog Julian neben sich auf einen Stuhl und all die drängelnden Leute rings um ihn verschwanden plötzlich. Julian schien, als hätte er eine stille Insel inmitten des brüllenden Ozeans gefunden und auf einmal verstand er das Geheimnis des Lesens.
"Konstantin", sagte er und lächelte den älteren Mann an. Er war noch immer in derselben Form als er noch Mitglied des Tanzensembles war, zu dem Julian and Patrick gehörten.
"Wie gehts dir?" fragte er laut während er sich fragte, ob Conny einen Partner gefunden hatte, mit dem er Weihnachten verbringen würde.
"Ganz ok, danke. Manchmal besuche ich die Oper. Ihr beide seid Klasse." Er schloss das Buch und stand auf. "Lass mich das hier bezahlen und dann habe ich Zeit für dich." Er sah erwartungsvoll aus. "Ok?"
Julian nickte. Eigentlich war er froh, dass er Gesellschaft gefunden hatte. Er beobachtete, wie er zur Kasse ging und geduldig in der Schlange stand. Konstantin lächelte ihm hin und wieder zu.
Kurz nachdem Julian zum Ensemble der Staatsoper gestossen war, war Connys Unfall passiert und Julian hatte Patrick kennengelernt. Connys verletztes Bein war die Ursache für seinen Abschied gewesen; es war nicht mehr stabil genug, um eine komplette Aufführung durchzustehen. Julian fragte sich, was er heute machte.
"Lust auf einen drink?" Conny war wieder neben ihm und fertig zum gehen.
"Wie gehts dir?" antwortete Conny. "Bereit für den letzten Schnitt?"
Angelina strahlte und zeigte seine blendend weissen Zähne. "Im Januar, darling." Er leckte seine Lippen und schob zwei Gläser Wein über den Tresen.
"Letzter Schnitt?" fragte Julian während sie in einer dämmerigen Ecke platz nahmen. Einige Männer sassen allein an Tischen und prüften einander ob sie wert währen, die Feiertage miteinander zu verbringen.
Conny machte eine unmissverständliche Handbewegung. "Er hat eine Menge Ärger hinter sich." Er machte eine Pause. "Ich sollte besser 'sie' sagen. Zwei Jahre lange testete er bei den Psychologen den Ernstfall ob er sich als vollständige Frau fühlt, all diese Tests.... und er muss nun seinen Namen offiziell ändern lassen. Gerade hat er den letzten, positiven Bescheid erhalten, also wird die Krankenkasse die Operation bezahlen."
Julian fühlte sich abgestossen. Wie konnte er froh darüber sein, das kostbarste Stück seines Köpers loszuwerden? Er wusste nicht, was er sagen sollte, also hob er sein Glas. "Fröhliche Weihnachten. Was machst du eigentlich so?"
Conny trank. "Ich leite eine Ballettschule. Das ist das einzige, was ich noch machen kann. Es gefällt mir."
Julian betrachtete ihn und nickte dann. Er hatte erfahren, dass Conny ein hartarbeitender Mann war aber aus Patrick hatte er niemals viel über den Ex-Tänzer herausbekommen.
"Wie ich schon sagte, du und Patrick seit ein grossartiges Paar." Connys Augen flackerten. "Seid ihr zusammen?"
"Natürlich", sagte Julian und vergass, dass Conny es nicht wissen konnte. "Seitdem du uns verlassen hast."
Conny nahm einen hastigen Schluck. "Dasselbe nochmal, Schatz", rief er Angelina zu.
"Du bist mit dem Auto", erinnerte ihn Julian aber Conny zuckte die Schultern. Irgenwie schien sein Gesicht eingefallen. "Seit sieben Jahren seit ihr ein Paar? Das verflixte siebte Jahr?" Sein Grinsen geriet etwas schief. "Kommst du mit mir nach Hause?"
Julian schüttete seinen Wein hinunter um Zeit zu gewinnen. Wohin würde das führen? Sein Herzschlag beschleunigte sich. Flüchtig erinnerte er sich an Karim, den dunkelhäutigen Schauspieler. War das nicht genug Abenteuer innerhalb von 24 Stunden?
Conny wartete und sah ihn an. "Komm schon, lass es uns ein bisschen gemütlicher machen."
Die Männer um ihn herum prüften sich noch immer, ein Paar verliess zusammen die Bar und aus den Lautsprechern dröhnte Chris Reas 'Driving home for Christmas'.